Schon mal was von Moostierchen gehört? Das sind kleine Wasserorganismen, die sich zu Kolonien zusammenschließen. Wie Korallen scheiden sie meist ein Kalkskelett ab. Und als ob das noch nicht spannend genug wäre… sie leben z.b. auf Inseln, die eigentlich keine sind. Ein Beitrag des Sammlungsleiters für Geowissenschaften am Biologiezentrum des Oberösterreichischen Landesmuseums in Linz:
Die Moostierchen iberischer Seeberge
Seit Anfang des Jahres ist mein spanischer Kollege Javier Souto, mit dem ich im letzten Jahr bereits an einer Forschungsfahrt zu den portugiesischen Berlengas-Inseln teilgenommen habe, über ein Lise-Meitner-Stipendium für 2 Jahre an der Universität Wien angestellt. Zusammen mit Andrey Ostrovsky (Univ. Wien) wollen wir die Moostierchen-Arten einiger iberischer Seeberge hinsichtlich ihrer Diversität, Verbreitung und Ökologie untersuchen.
Seeberge (engl.: seamounts) sind Inseln, die es nicht bis ganz an die Meeresoberfläche geschafft haben und durch ihre Unzugänglichkeit erst während der letzten 30 Jahre eingehender untersucht werden konnten. Dabei hat man zum Teil eine erstaunliche Vielfalt und Dichte an Tiefseekorallen, Schwämmen, Krebstieren, Fischen, oder eben auch Moostierchen (Bryozoen) auf den Kuppen und Hängen dieser submarinen Berge entdeckt.
Der Fischreichtum lockt wiederum die Tiefsee-Fischereiflotten an, die diese fragilen Ökosysteme nicht nur von den Fischen befreien, sondern gleichzeitig mit ihren Grundschleppnetzen die Korallen- und Schwammriffe dem Meeresboden gleich machen, so dass ein Ökosystem dann gar nicht mehr existiert. Daher gelangen Seeberge immer mehr in den Fokus von Umweltschützern und in’s öffentliche Interesse und es wurden einige inzwischen als Fischerei-Schutzgebiet deklariert.
Obwohl sie äußerst artenreich vertreten sind, wurden Seeberg-Bryozoen bislang überhaupt noch nicht untersucht. Wie viele Arten es auf den weltweit vielen Tausend Seebergen gibt ist ebenso unklar wie deren geographische Verbreitung. Wir wissen noch nicht einmal, wie Tiefsee-Bryozoen überhaupt auf die Seeberge gelangen, da die Larven, mit denen sich die meisten Arten verbreiten, sehr kurzlebig sind und eine mehrere hundert Kilometer lange Strecke schwerlich überleben dürften. Wir haben uns daher entschieden, erst einmal die Bryozoen dreier Seeberge zu untersuchen, die nahe der Küste Iberiens liegen, um festzustellen, ob die Arten des kontinentalen Schelfs auch auf den Seebergen vorkommen, oder ob die dortigen Arten endemisch sind, d.h. nur dort vorkommen.
Die ersten Ergebnisse lassen bereits vermuten, dass wir eine Menge neuer Arten beschreiben müssen/dürfen…
Björn Berning

Bild: Rasterelektronemikroskopische Aufnahme einer neuen Bryozoen-Art der Gattung Smittoidea von der Galicia Bank. Die Einzeltierchen der Kolonie sind kleiner als einen Millimeter, in den gelochten rundlichen Gebilden (Ovizellen) werden die Embryos ausgebrütet. Die Tentakel werden durch die dunklen großen Öffnungen, die hier meist mit einem Deckel verschlossen sind, aus dem Kalkskelett ausgestreckt (Foto: J. Souto).